Tag 1 & 2: Beijing

Die Koffer sind verstaut, die Nackenkissen in Position gebracht und der Bus startet in das Pekinger Verkehrschaos, um in ca. drei Stunden Tianjin zu erreichen. Zeit, um die letzten Tage Revue passieren zu lassen. Unsere Reise in das Land der Mitte begann pünktlich am Sonntag Abend, musikalisch untermalt von den ODEON Blechbläsern und einigen ihrer Klassiker, wie „Flotte Burschen“ und „Ein Prosit“. Ersteres erklang später auch über den Wolken als Morgenmusik bei dem Anflug auf Peking nach, durch die Zeitverschiebung bedingt, doch recht kurzer Nacht. Gemeinsam mit einem genauso unausgeschlafenen Sigmar Gabriel verließen wir das Flugzeug und stellten als erstes fest: China hat ein Faible für Daten. Hier die Fingerabdrücke der linken Hand, dort ein Lächeln in die Gesichtserkennungskamera und bitte nochmal nur die Daumen auf das Display drücken und das Thema Daten“schutz“ erscheint gleich in ganz anderem Lichte. Und wenn wir schon beim Thema Kameras sind: Die wurden nicht nur von gefühlt jeder zweiten Gebäudewand auf uns gerichtet, sondern auch von zahlreichen Passanten. Europäer (insbesondere, wenn sie groß, blond, lockig und mit blassem Teint sind) bekommen im China ein Gefühl von Prominenz, vor allem, wenn sie in einer so großen Gruppe unterwegs sind wie wir. Mehr oder weniger unauffällige Blicke und iPhone-Kameras sind seither unsere ständigen Begleiter. Als wir gemeinsam mit unseren  Paparazzi das klimatisierte Flughafengebäude verließen (in China ist so ziemlich jeder Raum und jeder Bus auf gefühlte 15 Grad herunter klimatisiert), machten wir die nächste wichtige Feststellung: Die Atemmasken waren eine gute Investition gewesen. Es ist nicht unmöglich ohne Maske zu atmen, jedoch hat man vor allem an Straßen das Gefühl, jeder Atemzug teert den Weg zur Lunge ein bisschen mehr in Richtung dreispurige Autobahn. Genauso würzig wie die Luft ist auch das chinesische Essen, das wir nach kurzer Busfahrt zum ersten Mal erhielten. Die Aufnahme des Essens wiederum erwies sich als neue Herausforderung, da uns als Werkzeuge nur Stäbchen gegeben wurden. Ich glaube, das ODEON hat das Essen mit Stäbchen in eine neue Ära gebracht, so kreativ wurden die Hölzer eingesetzt. Nach dem Essen ging es dann auf holprigen Straßen auch schon in unser schickes Hotel. Im Gegensatz zu den strengen Gesetzen Chinas herrscht auf chinesischen Straßen Anarchie. Hupen bedeutet: „Achtung, ich komme, egal wo du bist“ und überall, wirklich überall fahren Roller, individuell getuned, durch die Straßen und Fußgängerzonen Pekings. Letztere erkundeten wir am ersten Abend bei einem Ausflug zu dem Platz des himmlischen Friedens. Der Platz hat mit monströsen, kalten Gebäuden zu seinen Seiten eine bedrückende Weite und vom Mao Mausoleum überwacht ein riesiges Porträt des ehemaligen Diktators die Szenerie.  

Ganz im Kontrast dazu stehen die teils sehr heruntergekommenen Seitenstraßen Pekings, die mit den bunten Gebäuden, verzierten Dächern und wild durcheinander redenden und hupenden Menschen eine entspannte, warme Atmosphäre ausstrahlen. In dieser ließen wir den ersten langen Tag ausklingen.

Der nächste Morgen begann mit zwei Feststellungen:

  1. Das chinesische Bier und der chinesische Reisschnaps vom Vorabend waren nicht so alkoholfrei gewesen wie erwartet.
  2. In China kann man wirklich alles frühstücken. Neben westlichen Klassikern wie Marmeladenbroten und Müsli gab es unter anderem Reis und Fisch.

Nach dem Frühstück verließen wir das Hotel, um (natürlich nach zweimaliger Durchleuchtung der Taschen und der eigenen Person) die verbotene Stadt zu besichtigen. Was uns am Vorabend bereits deutlich geworden war, bewies sich auch an diesem Tag als unanfechtbare Tatsache: In China leben wirklich sehr, sehr viele Menschen. Und so ziemlich alle hatten den gleichen Plan wie wir. Also standen wir an. Und standen an. Und standen an. Dabei machten wir die Erfahrung, dass in China der Ellenbogen ein sehr wichtiges Körperteil zu sein scheint, da man ohne dessen Einsatz erst nach gefühlter Ewigkeit sein Ziel erreicht. Das liebe und Jetlag-ermüdete ODEON vertrieb sich diese Ewigkeit mit Fächern und Fan-Fotos. Endlich am Ziel angekommen verstanden wir, was uns zunächst verwundert hatte: Viele chinesischen Männer liefen mit hochgesteckten, bauchfreien T-Shirts herum. Nicht etwa um ihre Fettpölsterchen zur Schau zu stellen, sondern um so wenig Körperkontakt mit der Kleidung zu haben wie möglich. Denn besonders zu dieser Jahreszeit ist es in Peking sehr heiß und extrem schwül. Das ODEON hatte keine Schwierigkeiten, sich dieser Kultur anzugleichen. 

Hatte man sich vorgenommen einen entspannten Spaziergang durch die teils dörflich wirkende verbotene Stadt zu machen, mit ihren zahlreichen Tempeln und roten und goldenen Dächern (rot und gold sind die chinesischen Farben der Hoffnung), wurde die erhoffte Ruhe durch die Menschenmassen verhindert (um sich ein Bild von den Massen zu machen, stelle man sich eine U6 an einem Montagmorgen vor). Nach dem sehr beeindruckenden Ausflug ruhten wir uns etwas für das Konzert am Abend aus.

Drei Feststellungen, die wir während der Mittagspause machten:

  1. Chinesen sind Meister der Schlafens. Egal ob an der lärmenden Straße oder im McDonalds – überall sitzen Menschen, den Kopf in die Hände gelegt und schlafen. Auch hier integrierten wir uns beeindruckend schnell.
  2. In China spucken viele Menschen gerne und in beeindruckender Weise auf die Straße (detailliertere Schilderungen bleiben an dieser Stelle aus, aber es gibt bestimmt YouTube Videos).
  3. Toiletten in China sind oft nicht mehr und nicht weniger als ein Loch im Boden. Dies regte interessante Diskussionen über verschiedene Techniken unter weiblichen ODEONS an.

Das Konzert spielten wir in der Forbidden City Concert Hall, ein kleiner Saal, fast so groß wie die Münchner Philharmonie und mit einer Akustik, bei der man das Räuspern des vierten Hornisten durchklingen hört. 

Zwei Fakten zu unserem chinesischen Publikum:

  1. Man kennt es und man hasst es: Das Klatschen zwischen zwei Sätzen eines Werkes. Doch ist dieses in Deutschland meist konstant (entweder das Publikum klatscht zwischen allen Sätzen oder nicht), war in Peking ein faszinierender Lernprozess zu beobachten. Beim ersten Mal erklang zu 90% Klatschen und zu 10% ein mahnendes „Schschschhhh“. Bei zweiten mal war das Klatschen deutlich leiser und der halbe Saal „Schschschhh“-te. Und so wurde es immer besser, bis am Schluss kein Klatscher mehr ertönte.
  2. Das Publikum liebte die Tritsch Tratsch Polka. Und was gibt es schöneres, als die  Begeisterung im Mitklatschen des Taktes auszudrücken. Da waren dann auch alle dabei und sich im Rhythmus auch sehr einig. Untereinander. Dass das ODEON ein Werk mit einem anderen Rhythmus spielte, fiel erst auf, als sich unser Dirigent Julio komplett dem Publikum zuwandte, um die Zuhörer zu dirigieren.

Nach gelungenem Konzert und Autogrammstunde verabschiedete sich das ODEON noch ausgiebig vom Hotel.

Jetzt schläft es hier im Bus auf der Fahrt nach Tianjin, wo wir in ca. einer guten Stunde ankommen werden. Das Gleiche werde ich jetzt auch machen.

In diesem Sinne gute Nacht und bis bald!

Von Melissa Hehnen

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