Tag 4 & 5: Wuhan

Wuhan. Was im ersten Moment wie der Fluch eines unserer Blechbläser über den steigenden Bierpreis in der Stammkneipe klingt, stellte doch in Wirklichkeit den nächsten, inzwischen vierten Stopp unserer Konzertreise in China dar. Um die knapp 1100 km von Tianjin nach Wuhan zu bewerkstelligen, mussten wir uns alle bereits nach nur einem Tag wieder von unserem Edelhotel verabschieden, um uns mit dem nächsten und mutmaßlich wichtigsten chinesischen Transportmittel vertraut machen: Fernzüge. Der ausgefuchste Komplott eines Cellisten, vielleicht doch noch ein wenig Zeit in Tianjin schinden zu können, indem er nicht unwesentliche Teile seines Reisegepäcks in Hotelzimmer und Bus verteilt vergaß, wurde jäh vom stets wachsamen Hotel- und Betreuerteam vereitelt und so standen wir wenig später nach dem – inzwischen gewohnten – Vorgang von Pass- und Gepäckkontrolle in der – ebenfalls inzwischen gewohnten – riesigen Bahnhofshalle. Wer sich nicht bereits beim Frühstückbüffet im Hotel für die anstehende Fahrt eingedeckt hatte, nutzte hier die Zeit bis zur Abfahrt, während sich eine Acapella-Gruppe des ODEON an einem spontanen Ständchen für die – wie immer – fleißig gezückten Kameras versuchte.

Der Einstieg und Tetris-ähnliche Vorgänge beim Verstauen des Gepäcks gestalteten sich trotz unserer beachtlichen Reisegruppe und der ebenfalls beachtlichen Schlange wartender Chinesen hinter uns relativ zügig. So fuhren wir also los und durften schnell so manches über Zugreisen in China lernen:

Der perfide Plan der chinesischen Zuggesellschaft, Anwesenheit/Geruch der zahlreichen Menschen pro Waggon durch eisige Innenraumtemperaturen vergessen zu machen, geht nur bedingt auf und eher einher mit anspruchsvollen zwiebelartigen Kleidungstaktiken, alles natürlich überwacht durch zwei Kameras pro Abteil.

Was an Temperaturen eingespart wird, wird eifrig in Lautstärke und Dauer von Ansagen durch das Zugpersonal investiert. Die teilweise dringend notwendigen Versuche, Schlaf der vergangenen Nacht nachzuholen, wurden daher deutlich erschwert, wobei man – je nach Vorstellungskraft – von einer Mischung aus Reiseinformationen, Werbung oder vielleicht auch einem Auszug aus einer Mao-Doktrin beschallt wurde. Fairerweise wurde das meiste gleich zweimal angesagt, um unsere Geduld und Chinesisch weiter zu schulen, was inzwischen zumindest für höfliche Floskeln und das ab und an notwenige Rufen von „Wölfe“ (láng; abgeleitet vom Mitgründer des ODEON, Wolfgang Berg) reicht.

Die Eigenschaft des ODEON, sich überall, wo es ist, erst einmal auszubreiten, geht nur schwerlich einher mit den hochfrequentierten Besuchen des Zugpersonals in den Gängen. Unbeeindruckt davon bildeten sich dennoch im Handumdrehen Schafkopfrunden, gemeinsames Film- und Serienschauen (aktuell hoch im Kurs: Stromberg) und die Anfertigung einer improvisierten Tuschelliste, die notwendigerweise bei jeder ODEON-Sommerfahrt zuexistieren hat und umgehend fleißig befüllt wurde.

Mit durchschnittlich > 300 km/h rauschten wir also durch die chinesischen Landschaften auf Gleisen und Brücken, die sich ungeachtet von Dörfern, Feldern und Flüssen durch das Land zogen, dass die CSU mit Gedanken an ihre Stromtrassen grün vor Neid werden würde. Nach schließlich knapp sechs Stunden Zugfahrt kam dann doch noch einmal Bewegung in unser Abteil. Da die asiatischen Zuggesellschaften allein schon aus organisatorischer Notwendigkeit im Gegensatz zur Deutschen Bahn hohen Wert auf Pünktlichkeit legen, hat man pro Haltestelle nur eine definierte Zeitspanne weniger Minuten, um ein- und auszusteigen, bevor die Türen schließen. Jedoch wurde auch das problemlos gemeistert – mit einer beeindruckenden Souveränität und taktischen Finesse, die man auf Seiten der Bläser in den letzten vier Jahren zumindest im traditionellen Fußballspiel so nicht gewohnt war.

Beim Ausstieg empfingen uns nun zwei Extreme, die uns zwei Tage lang begleiten sollten: feuchte Wärme außen und nach Sekunden auf der Haut vs. trockene Kälte in klimatisierten Bussen und Hotelzimmern; nicht nur für unsere Instrumente eine Belastung. Durch die hohe Luftfeuchtigkeit war es immerhin egal, ob es – was häufig der Fall war – plötzlich mal einen Schauer gab, weil so oder so nach ein paar Minuten und Bewegung draußen die Kleidung feucht war.

Wuhan, zusammengegliedert aus drei früheren Städten mitinsgesamt ca. 10 Mio. Einwohnern, liegt subtropisch auf Höhe von Marokko und wirkt zunächst wie eine Küstenstadt. Zahlreiche Flüsse und Seen sorgen dafür, dass die Stadt als „Venedig Chinas“ gilt, unter ihnen der Jangtse, der längste Fluss Chinas. Das ist zwar nicht der Gelbe Fluss, auf dem Jim Knopf und Prinzessin Li Si bei Michael Ende aus Kummerland fliehen, in der Farbe steht er ihm aber nur wenig nach. Der Jangtse sorgt nicht nur für Brücken, die im Stil der Golden Gate Bridge mehrere hundert Meter lang die einzelnen Stadtteile verbinden, gleichzeitig gilt er auch als inoffizielle Grenze zwischen Nord- und Südchina. Um sich ein Bild von den Unterschieden zu machen, lernten wir bei unserem Vortrag von Hr. Yuan bereits in München: trifft man einen Südchinesen auf der Straße, unterhältst du dich 3 Minuten lang mit ihm, bis es dann schließlich ans Geschäftliche geht, während es bei einem Nordchinesen immerhin 8 Minuten lang Smalltalk gibt. Ob wir diesen und weitere Unterschiede zwischen Nord und Süd tatsächlich erkennen werden, bleibt abzuwarten.

Erschöpft von der langen Reise und dem anschließenden Berufsverkehrschaos in Wuhan, bezogen wir dankbar unsere Zimmer im Hotel mit schöner Aussicht auf den Jangtse und die Skyline, welche abends beeindruckend über hunderte Meter und tausende Fenster abgestimmt illuminiert wurde.

Der erste Programmpunkt am nächsten Tag war der Besuch einer der Sehenswürdigkeiten Wuhans, der „Yellow Crane Tower“. Diese sehr alte, traditionelle Pagode mit ihrem angeschlossenen Park und weiteren alten Bauten gab einen schönen Einblick in das alte, traditionelle China, welches man bei unseren Besuchen in den riesigen Metropolen mit ihren zahllosen Hochhäusern manchmal ein wenig vermisst. Natürlich ließen wir die Chance nicht ungenutzt, durch die gigantische Glocke im Park – fachgerecht gespielt von unserem Schlagwerker – unsere Anwesenheit im Reich der Mitte zu verkünden. Beim anschließenden Münzwurf in einen Krug als Glücksritual zeigte das ODEON – nicht zuletzt auch der Dirigent persönlich – seine legendären Fähigkeiten in weiteren sportlichen Aktivitäten.

Mit so viel Glück im Gepäck machten wir uns im Anschluss auf zu unserem ersten interkulturellen Austausch, der Wuhan Guanggu No. 4 Primary School. Aufgebaut wie eine kleine Wohnsiedlung mit eigenem Sportplatz, wurden wir dortfreundlich empfangen und direkt einer Kostprobe des Schulorchesters unterzogen, das – zwar den Erwartungen an eine Grundschule entsprechend, aber dennoch nicht minder beeindruckend – zwei Stücke komplett auswendig aufführte. Unsere darauffolgenden kammermusikalischen Auftritte in Form eines Celloensembles, Holz- und Blechbläserquintetts, sowie oben erwähnter Acapella-Gruppe wurden begeistert von den anwesenden Schülern und Lehrern bejubelt und im Anschluss mit zahlreichen gemeinsamen Fotos festgehalten. Unter diversen Gruppenbildern, Selfies, Hallelujas und einem spontanen Prosit der Trompeten verabschiedeten wir uns schließlich von der Schule.

Straff im Zeitplan machten wir uns nun auf zu unserem nächsten Konzertsaal, der Wuhan Qintai Music Hall, einmal mehr ein Saal mit beindruckender Architektur innen wie außen, sowie einem prachtvollen Saal, der mit seinen goldenen Verzierungen und roten Samtsitzen einer Oper ähnlich bereits bei der Anspielprobe für den ein oder anderen Gänse(haut)moment sorgte. Im anschließenden gut besuchten Konzert sorgten wir dann auf der Bühne, auf der bereits zahlreiche hochrangige Orchester wie z.B. die Berliner Philharmoniker, das London Philharmonic Orchestra, das Gewandhausorchester und nun ja auch das ODEON gespielt haben, vollzählig für ein umjubeltes Konzert, das von uns so schnell sicher niemand vergessen wird. Noch im Schwung und der Begeisterung des erfolgreichen Auftritts wurde dann im Hotel die Abendgestaltung vollzogen, die angesichts der nächsten langen Zugreise mit frühem Aufstehen und Konzert am Abend standesgemäß ruhig auszufallen hatte. Gerüchte von Plänen, möglichst lange wach zu bleiben, um im Zug dann problemlos schlafen zu können, gilt es auf der heutigen Fahrt einer genaueren Bewertung zu unterziehen. Ein paar hundert Kilometer weiter und klimatisch wieder spannend wird dann der nächste Blogeintrag aus der Küstenstadt und Sonderwirtschaftszone Shenzhen erscheinen.

Von Ludwig Pachmayr

6E691DEC-5831-408B-96CB-C0D316417AA2

11CA06CA-2331-48F3-8084-7DBAD491A04E

86DB02A9-56FD-4CB8-AB4F-52E3E9157DCE.jpeg

31D24E18-EF31-4813-848C-96820A16AF60

A14F5D88-58D2-4F79-8FD2-2E70E3ACEFAE

D85DBB5F-455A-47F6-9295-C192DE0E75E2

CD8BA18E-46DB-4A6E-8483-E0ABF18FAB48

7A272EDC-8821-47BB-BDE5-1494B4A628DB

CCEFE539-C3A4-436B-922E-99BA3FB74CAB

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s