Tag 6: Shenzhen

Mit munter-ausgeschlafenem Lächeln nimmt auf einer solchen Reise wohl kaum jemand die ersten Töne seines Weckers auf. So unliebsam wie heute Morgen aber mögen sie bisher den wenigsten gewesen sein. Man denke zum einen an den raffinierten Plan einiger, durch nächtlichen Schlafentzug den Schlaf im Zug zu fördern, und wisse zum andern: Deutlich früher als sonst musste sich das ODEON heute durch ein diesiges, von den Panoramafenstern des Hotels über den breiten Jangtse hinweg kaum sichtbares Wuhan zum Bahnhof aufmachen, um erneut eine Schnellzugreise in die nächste Stadt anzutreten. Nach knappem Frühstück dauerte die Busfahrt dann so unerwartet lange, dass das inzwischen bahnhofserfahrene Orchester samt Betreuerteam angesichts der vergleichsweise kurzen Umsteigezeit (und natürlich mitbedingt durch das Wuhaner Klima) ordentlich ins Schwitzen geriet. Um Proviant für die Fahrt zu besorgen oder das vielfach auch ausgesparte Frühstück nachzuholen, war keine Zeit mehr. Hier ist aber freilich, wenn jemandem, so nur dem chinesischen Straßenverkehr ein Vorwurf zu machen.Und jedenfalls der Blogbeitragsautor ist offensichtlich nicht verhungert.

Von den Zugdurchsagen wurde bereits berichtet. Sie sind jedoch, das sei ergänzt, nicht in allen Zügen gleich: Heute waren sie noch lauter, länger, häufiger und inhaltlich überflüssiger als vorgestern. [Objektive Wahrheit, festgestellt durch ein ausgeschlafenes, ganz und gar nicht verkatertesTeam unabhängiger Beobachter von stoischer Gemütsveranlagung]. „This is a No-Smoking-Train. Pleasedon’t smoke in the train. As you know, smoking is harmful…”und vielen weiteren, ähnlichen Text plärrte es auf der 5-stündigen Fahrt geschätzt 437mal aus den Zuglautsprechern.Der Im-Zug-statt-im-Hotel-schlaf-Plan ist dementsprechend nur bedingt aufgegangen.

Beeindruckend und ein bisschen gruselig zugleich war über weite Teile der Strecke wie auf den meisten Fahrten bisherwieder der Blick aus  dem Fenster: Was in Deutschland ein Hochhaus genannt wird und einzeln aus dem Stadtbild ragt, steht hier in vierfacher Höhe und (nicht übertrieben!) oft zwanzigfacher Ausführung beieinander als beinah unwirklich erscheinende Wohnturmfamilie, als Hochhauswald; tausende identischer Fenster, in atemberaubender Höhe nur wenige Meter von ihrem exakten Zwilling (bzw. Zwanzigling) entfernt. Als hätte man zwanzigmal dasselbe Lego-Set gekauft und aus Jux nebeneinander aufgebaut – mal im Pulk, mal in strammer Reihe –, und daneben folgt dann das nächste Design, die nächste Hochhausfamilie. Trotz aller offensichtlichen Zweckgerichtetheit sind diese Türme oft nichtrein funktional in der Gestaltung, sondern bisweilen mit (geschmacklich fragwürdigem) Zierat wie Türmchen auf dem Dach und Ähnlichem versehen. Und allerorten sprießen neue Hochhausanlagen aus dem Boden: lange schmale Wohnpilze, deren im Bau befindliche oberste Abschnitte jeweils blau eingemantelt sind.

Gegen Ende der Fahrt bekamen wir jedoch erstmals auf dieser Reise auch Erwähnenswertes aus der chinesischen Natur zu sehen, nämlich die typischen südchinesischen Turmkarst-Landschaften (durch deren kleine, steile Berge der Schnellzug sich freilich mehr zielstrebig bohrte als verträumt-harmonisch schlängelte). Auch der Weg vom Bahnhof mit dem Bus zum Hotel führte zunächst durch eine wunderbare subtropische Hügellandschaft: dichter Urwald, dazwischen undurchsichtig gelbe Seen.

Dann aber die Stadt: Shenzhen. Ein einziger Superlativ. Im Jahr 1950 hat sie noch 3000 Einwohner. Als sie dann 1980 von Deng Xiaoping zur ersten Sonderwirtschaftszone Chinas erklärt und damit – als Experiment in sicherem Abstand zur Hauptstadt – für westliche Investitionen geöffnet wird, leben dort knapp 60.000 Menschen. Im Jahr 2017 sind es fast 12 Millionen. Damit gilt Shenzhen für den Zeitraum von 1980 bis 2010 als die am schnellsten wachsende Stadt in der Geschichte der Menschheit. Von Gegenständen solcher Größenordnung freilich „spürt“ man vielleicht etwas in der kurzen Zeit, die wir dort verbrachten; ermessen oder begreifen kann man es aber nicht. Zurück also zu den Details unserer Reise.

Die Stunde, die zwischen Ankunft im Hotel und Aufbruch zum Konzertsaal blieb, wurde unterschiedlich genutzt. Während manche und mancher nach der Zugfahrt noch immer nötigen Schlaf nachholte, erkundeten andere bereits den nächsten Supermarkt oder aber den direkt dem Hotel gegenüber gelegenen „Lychee Park“: Hübsch undgeschmackvoll angelegt, wird er von den Shenzhener(inne)n in unterschiedlichster Weise zur Erholung, Ergötzung, Erbauung und körperlichen Ertüchtigung genutzt: Hier treiben einige Sport in einer bunt und reich ausgestatteten Gymnastikanlage oder spielen Pingpong, dort wird in einem kleinen Tempelchen getanzt (wie überhaupt allgemein viel im öffentlichen Raum getanzt wird!). Hier wird gesungen, dort Flöte gespielt und Saxophon. Spaziert und gejoggt wird freilich auch, für Kinder stehen Karussells bereit, kleine und größere Brücken führen über Seerosenteiche – und so weiter.Ein besonderer Genuss für uns: Zum ersten Mal auf dieser Reise sieht man nicht nur eine etwas abwechslungsreichere Pflanzenwelt, sondern tatsächlich auch andere Vögel als die wenigen ewiggleichen, ewigeinzigen Spatzen oder vielleicht mal einen traumatisierten Papageienvogel im runden Minikäfig.

Keine 500 Meter sind es vom Hotel zum Konzertsaal, sodassnach der Erholungspause tatsächlich nur wenige den für schwereres Gepäck trotzdem zur Verfügung gestellten Bus benutzten (und dank des chinesischen Verkehrs und notwendiger Umwege deutlich später als der „sportliche“ Teil des Orchesters ankamen). Das Shenzhen Grand Theater, in dem wir dann um 20:00 Uhr unser Konzertprogramm zum Besten gaben, ist am Fuß eines unübersehbaren, weil ungeheuer hohen Turms („KK100“, 441,8m, 100 Stockwerke) gelegen und bespielt sich trotz etwas trockener Akustik ziemlich angenehm. Das Konzert geriet auch durchaus zur Zufriedenheit aller – jedenfalls aufseiten des Orchesters. Die Meinung des Publikums – des auf dieser Tournee bislang unruhigsten und klatschfaulsten – war leider nicht eindeutig festzustellen: Von Stadt zu Stadt ändern sich offenbar neben so vielem anderen auch die Erfahrung mit klassischen Konzertenund die Klatschgewohnheiten (beziehungsweise die Bereitschaft, überhaupt zu applaudieren). So wurden wir denn auch um die Dauer einer Zugabe früher in den Feierabend entlassen.

Gemütlich ausklingen konnte der Tag für viele im nächtlich-lauen (auch bei Dunkelheit durch zahlreiche Kameras und Polizisten sicher gehaltenen) Lychee Park – bis dieser um zwölf Uhr geschlossen wurde. Jedenfalls waren die Gebärden des Polizisten recht deutlich als Aufforderung zum Gehen zu verstehen – und Anordnungen der chinesischen Polizei leistet auch das ODEON dann doch Gefolgschaft.

Von Gabriel Ascanio Hecker

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