Tag 7: Zhongshan

In Shenzhen kam das ODEON erstmals im Laufe der Tournee in den Genuss eines freien Vormittags, da die heutige Reise uns in die nur 2,5h Busfahrt entfernte Stadt Zhongshan führen sollte.

Während eine kleine Gruppe abenteuerlustiger Frühaufsteher die Aussicht vom vierthöchsten Gebäude der Welt genoss (Ping An International Finance Center), nutzte der Großteil des Orchesters den Vormittag, um ausnahmsweise mal auszuschlafen. Teilweise groß angelegte Frühstückspläne wurden für den Ein oder Anderen zur Herausforderung: Während es in den bisherigen Hotels für die weniger Experimentierfreudigen unter uns immerhin Toast, Butter und marmeladenartige Substanzen gab, beschränkte sich das Frühstück im Shenzhen Liyuan Hotel auf rein chinesische Kost.

Es erfolgte eine vielfache Verlagerung der Nahrungsaufnahme in den Starbucks der 500 Meter entfernten Shopping Mall. Der im Untergeschoss gelegene Supermarkt mit teilweise westlichem Sortiment wurde durch Mund-zu-Mund Propaganda zum Treffpunkt des Vormittags. Deutsche Salzstangen, italienische Mulino Bianco Kekse, irischer Kerrygold Käse, Schweizer Kägi Frettli, Ritter Sport Schokolade und nicht zuletzt auch Frosch-Spülmittel lösten (kulinarische) Glücksgefühle und bei Einigen vielleicht auch etwas melancholische Sehnsucht nach Zuhause aus.

Die Busfahrt nach Zhongshan (übrigens mit gut 3 Millionen Einwohnern die kleinste Stadt, die wir bereisen und für chinesische Verhältnisse sozusagen ein Dorf) verlief größtenteils ohne Komplikationen. Allerdings kam ein Drittel des Orchesters über eine halbe Stunde später an, da der Busfahrer eine Ausfahrt verpasst hatte, dazu aber später mehr.

Einzige Auffälligkeit: der doch sehr aus- und einbruchssichere Grenzzaun zwischen Shenzhen und der Metropolregion Hongkong, an dem wir eine Zeit entlangfuhren. Hongkong war bis 1997 eine britische Kronkolonie und somit unabhängig von China. Viele Chinesen fanden hier unter anderem während der Opiumkriege und des chinesischen Bürgerkriegs Zuflucht. Mit der wirtschaftlichen Öffnung des Landes nach dem Tod von Mao Zedong, erhob dessen Nachfolger Deng Xiaoping den chinesischen Anspruch auf Hongkong. De facto übernahm ab 1997 China die Kontrolle, die Briten konnten lediglich noch ein eigenes (demokratisches!) Wahlsystem und eine eigene Währung (Hongkong Dollar) einführen. Seitdem handelt es sich offiziell um eine sogenannte Sonderverwaltungszone mit einem verhältnismäßig hohen Grad an Autonomie.

So wurden wir schon am Abend vorher freundlich aber doch bestimmt darauf hingewiesen, eventuell geplante Spritztouren nach Hongkong lieber sein zu lassen. Da es sich beim Passieren der Grenze um tatsächliche Ein- und Ausreisen handelt (spätestens beim Anblick des doppelten, mit Stacheldraht bespickten, natürlich videoüberwachten Zauns wurde es jedem klar) und wir nur ein gültiges Visum besitzen, wäre dies gerade bei Solobläsern schon eher ungünstig gewesen.

Große Freude machte sich breit, als wir am Hotel ankamen: Wie zuletzt in Wuhan war das ODEON in einem Hotel der „Holiday Inn“-Kette untergebracht. Hier gab es zwar trotz wilder Spekulationen immer noch keinen Pool, dafür hatte sich aber das Frühstücksbuffet schon in Wuhan als äußerst vielfältig und sehr schmackhaft erwiesen. Wie in unseren vorherigen Unterkünften war die Großzügigkeit und die luxuriöse Einrichtung der Zimmer beeindruckend, getrübt wurde dies nur durch die Aussicht auf eine sehr heruntergekommene, schlammige Baustelle der Größe eines Fußballfeldes direkt neben dem Hotel. Schon oft konnten wir solche Kontraste hier in China feststellen, entstehend durch das rasante Wachstum vieler Städte sind sie nur natürlich, auf uns wirken sie aber sehr fremd.

Die meisten der Zimmer waren außerdem mit Sofagarnitur und sogar einer Badewanne ausgestattet: Die sehnsüchtige Suche vieler ODEONS nach einem Pool führte dazu, dass jene direkt ausprobiert wurde, trotz der fehlenden Pool-Dimensionen. 

Erstmal hatten wir aber auch an diesem Abend ein Konzert zu spielen. Leider verfuhr sich eben besagter Busfahrer auf dem Weg zur Anspielprobe nochmals, ein Teil des ODEON war also schon wieder zu spät, diesmal sichtlich genervt von den unglücklichen Geisterfahrten ihres Busfahrers. Zum Abendessen verteilte sich das ODEON daher auf zwei statt drei Busse, was durch fehlendes Gepäck und Cellokoffer auch problemlos möglich war. So kamen wir tatsächlich alle gleichzeitig bei unserem Essensort an. Dieser war auf dem ersten Blick eine Art Markthalle, so etwas haben wir hier in China noch gar nicht gesehen. Obwohl die meisten von uns in der letzten Woche im Umgang mit der chinesischen Kost immer experimentierfreudiger und mutiger wurden, hat es uns dann doch ein wenig gegraust. Der sehr strenge Fischgeruch war den meisten nicht ganz so willkommen, und auch der Marsch vorbei an lebenden Fischen, Schlangen, Insekten aller Art, Schildkröten und noch viel mehr, war nicht ganz das was sich die meisten unter unserem Abendessen vorgestellt hatten. Zur Erleichterung vieler war unser eigentliches Ziel dann doch ein anderes, nach kurzer Zeit erreichten wir ein sehr schönes Restaurant. Wie schon zuvor wurde dort wieder Köstliches in Massen aufgetischt, so dass wir anschließend im beeindruckenden Saal des „Zhongshan Art and Culture Centre“ unser Programm zur Zufriedenheit Aller darbieten konnten. Abendliche Pläne eines bunten Abends incl. beispielsweise einer gemeinschaftlichen Alle-die-wo-Runde konnten leider nicht in die Tat umgesetzt werden, da viele der von uns bewohnten Hotels ihre Gemeinschaftsräume nicht an ausländische Gruppen vermieten, und auch das Wohnzimmer der Dirigentensuite hatte diesmal nicht Kapazität für 70 Personen. 

Von Julika Hasler und Martha Lucke

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