Tag 8 & 9: Guangzhou

Von einem Luxushotel ging es ab ins Nächste. Auch hier verbreitete sich das Gerücht, das sich seit dem ersten Hotel hartnäckig hält: „In diesem Hotel gibt es jetzt aber echt einen Pool!“ Dieses mal bewahrheitete es sich im Gegensatz zu davor aber wirklich. Er schien groß genug für das ganze ODEON und die langersehnte Buhlparty (ODEON-Slang) wurde sofort ausgerufen. Im Bademantel auf den Weg gemacht konnte uns nicht einmal die kleine Herausforderung des Fahrstuhlsystems abhalten so schnell wie möglich zum lang ersehnten Ziel zu kommen. Doch die ersten enttäuschenden Nachrichten kamen promt: Der Pool durfte nur mit Badekappe betreten werden. Die 35 Juan dafür klingen nicht viel, doch die 70 Juan (umgerechnet knappe 10€) für einmal baden, waren in einem Land, in dem man für 5 Juan sehr gut zu mittag isst, doch unverschämt. Nicht nur der Pool war eine Enttäuschung, auch die Zimmer konnten mit dem Standard der letzten von uns bewohnten Hotels nicht mithalten. Unsere Erwartungen und der Verwöhnungsgrad im Bezug auf Hotels waren in den letzten Tagen dermaßen gestiegen, dass das normale Doppelbett mit nur einer großen Decke schon fast eine Zumutung geworden ist. Wahnsinnig viel Zeit verbrachten wir allerdings eh nicht im Hotel. Gleich verstreuten sich alle selbstständig in der ganzen Stadt auf der Suche nach Abenteuer und Essen bevor es zu einer Begegnung zwischen dem Jugendsinfonieorchester Guangzhou und dem ODEON kam. In der Schule wurden wir schon erwartet, die um die elf Jahre alten Musikschulkinder saßen aufgereiht und in ihren Konzertkleidern jeweils an einer Seite langer Tafeln, damit wir uns ihnen gegenüber setzten konnten. Nach einer chinesischen Begrüßung wurden wir in die typischen Spiele eingeführt, hektisch wurden unter Trommelwirbel zwei Blumensträuße durch die Reihen gegeben. Nach abrupten Abruch dieses Wirbels hätten die beiden mit Blumenstrauß die Ehre gehabt für die ganze Gruppe eine „Performance“ vorzuführen, was ja für Jugendliche bekanntlich total unpeinlich ist. Netterweise wurden sie von vier Mädchen abgelöst, die einen Kanon auf ihren Geigen vorbereitet hatten. Das zweite Spiel glich dem Sonntagsmaler. Zwei mutige ODEON-Mitglieder mussten möglichst schnell chinesische Schriftzeichen abmalen. Leider konnten wir nur bedingt mitraten und es blieb uns nur übrig die chinesischen Kinder zu bewundern, wie sie bei jedem Strich ein anderes Schriftzeichen zu erkennen glaubten. Wir bekamen sogar kleine Geschenke zum Beispiel in Form von Notizbüchern, teilweise sogar mit WeChat-Namen und dem Wunsch eine Freundschaft aufzubauen. Von unserer Seite wurde immerhin eine Milkaschokolade verschenkt.

Wie schon beim letzten Austausch waren wir vor allem von der Technik beeindruckt und waren doch erleichtert zu sehen, dass hier in China nicht alle wie Götter spielen und auch normale und aufgedrehte Kinder sind. Mit unserer kleinen Auswahl aus dem Konzertprogramm konnten wir vor allem mit Lautstärke beeindrucken. Die Celli rüsteten sich davor aufgrund der Nähe zu den Trompeten noch sporadisch mit Ohropax, gebastelt aus dem Konzertprogramm, aus, und dann gings durch den Tschaikowsky 4. Satz im fortissimo und prestissimo. Unsere gemeinsame Zugabe mit dem Musikschulorchester war von der ODEON-Seite aus eine Herausforderung an unsere Blattspielkünste. Nach ausführlicher Erklärung, wo genau, wie weiter gespielt werden muss (hier ein Haus, dort eine Wiederholung und da noch ein dal segno) mussten uns die chinesischen Pultnachbarn doch einige Male helfen, die gerade zu spielende Stelle zu finden. Nach einem entspannten Abend passierte dann das Unglaubliche: Die Anweisung war nicht wie meistens Treffpunkt 7.30 oder ähnliche Horrorszenarien für schlafsüchtige Jugendliche. Es hieß Treffpunkt 15.45. Ein Raunen ging durch die Menge. Nachdem sich jeder vier mal vergewissert hatte war klar, es war wirklich so. Wer jetzt vermutet, dass das ganze ODEON bis um 15.30 geschlafen und dann im Bus noch ein kleines Nickerchen eingelegt hat, liegt aber falsch. Voll Erkundungslust zog es die große Mehrheit des Orchesters in die Straßen der vielseitigen Stadt Guangzhou. Während manche sich auf den Weg zum Fernsehturm begaben (Taxifahren ist in China wirklich unerhört billig) gingen andere auf Shopping Tour. Die eher fragwürdigen Käufe originaler Markenware für 5 Euro wurden danach direkt ausgeführt. Auch hat es sich rumgesprochen, dass nicht nur eine, sondern sogar zwei Gruppen ODEON-Mitglieder sich absichtlich in ein Museum über die alte Kaiserzeit verirrt haben, unfassbar. Der Freie Vormittag bot also genug Raum um sich einen weiteren Schritt an die chinesische Kultur anzunähern. Nach einem Mittagessen und bei einigen einem doch nötigen Nickerchen traf man sich dann für die Fahrt zum letzten Konzert der Reise in der „Xinghai Music Hall“. Gelegen auf einer Halbinsel des Pearl Rivers stand uns mal wieder ein beindruckendes Bauwerk gegenüber. Passend dazu gab es natürlich wieder einen super Konzertsaal, der zu neuer Euphorie beim Spielen anregte. Der sonst zur Routine gewordene Ablauf der Anspielprobe wurde durch ein neues Programmelement gesprengt, den ersten Satz des Mozart Klarinettenkonzerts in A-Dur. Der 18-jährige Solist war, wie sich später herausstellte, der Sohn eines ehemaligen Bürgermeisters von Ghouanzou. Nach seiner anfänglichen Nervosität war schnell zu erkennen, dass sein Spiel Erfolg versprach. Und so kam es auch. In der Pause wurde wieder Pizza (diesmal näher an der italienischen Vorlage, trotzdem noch mit uns teils befremdlichem Belag) gereicht und dann ging auch schon das Schickmachen los. Da wir vor dem letzten Konzert standen, gab es eine Kabinenansprache eines Schlagwerkers, die wahrscheinlich dem Äquivalent von Jogi am 13.07.2014 in Nichts nach stand. Mit fokussierten Blicken begannen wir mit einem sehr gelungenen Brahms, schlossen ein super Klarinettenkonzert an (besonders zu loben war die Leistung des Solisten) und komplettierten mit einer äußerst gelungenen Haffner-Symphonie die erste Hälfte. Einen Haken gab es aber doch: Das Publikum war an diesem Abend besonders unruhig. In der ersten Reihe hinter dem Dirigenten saßen vier Mädchen, die sich während der gesamten Zeit laut unterhielten. Da sie nicht durch böse Blicke diverse Orchestermusiker berührt wurden, beschloss ein mutiger Geiger ihnen mit Nachdruck zu vermitteln, dass sie doch bitte leise sein oder gehen sollen. Letzteres geschah und es mutete nach einer ruhigeren zweiten Hälfte an. Doch dem war nicht so. Um die Spannung des nun folgenden Moments zu beschreiben, wird nun ins szenische Präsens gewechselt (wie von der Deutschlehrerin in der 6.Klasse empfohlen). Anfang Tschaikowsky, tiefe Streicher und Bläser, Klarinetten Solo. Nach 3 Takten hört man das erste „Pling“ eines IPhones, gefolgt von einem zweiten. Der Dirigent reagiert mit einem sehr bösen Blick ins Publikum, um den Ruhestörer zu ermahnen. Kurze Zeit Stille. Dann wieder „Plingt“, „Pling“, „Pling“. Der Dirigent winkt nach 8 Takten ab. Stille. Er dreht sich zum Publikum und fängt an zu reden. Leider entspringen dem Mix aus Aufregung, Wut und Enttäuschung die Worte: „It‘s impossible, please schold it off“. Die Aussage kommt aber vor allem durch seine wütende Erscheinung an. Es folgte eine wahnsinnig musikalische Tschaikowsky Symphonie mit einem sehr ruhigen Publikum und einer besonderen Spannung im Saal. Nach dem Schluss der zweiten Zugabe war der letzte Konzertklang der Reise verflogen und es ging in den Bussen zurück zum Hotel. Die obligatorische Nachbesprechung des Konzerts fand an der Promenade des Pearl Rivers statt und man ließ den Abend mit Bier, Schwitzen und Haareschneiden ausklingen.

Von Stella Heutling und Frederik Falk

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