Tag 10 & 11: Beijing

Wenn Celli auf Sitzbänken gestapelt werden, Klarinettenkästen als Fußablage dienen und Bratschenkoffer zu wunderbaren Kopfablagen umfunktioniert werden, dann bedeutet das eines: Das ODEON fährt mal wieder Zug. Dieses Mal ging es von Guangzhou zurück nach Beijing – die bisher längste Fahrt. Wie immer frisch und hochmotiviert ging es um 7:30 Uhr los zum Bahnhof. Da es schon die dritte Reise mit dem Hochgeschwindigkeitszug war, die das ODEON in China antrat, bestritten wir die Sicherheitskontrolle und das Check-In in den Zug mit müheloser Leichtigkeit. 

Nach zwei bis fünf nachgeholten Schlafstunden, diversen Folgen Stromberg und zahllosen Schafkopfrunden kamen wir in Peking an und stellten (nach einem wohlgemerkt mal wieder fantastischen Abendessen) fest: Auch dieses Hotel hat keinen Pool. Blöd. Weiterhin befand es sich in einem der Hochglanzstadtteile von Peking, das im scharfen Kontrast zu unserem ersten Aufenthalt in der Hauptstadt stand. Bunt beleuchtete Wolkenkratzer beherbergen Büros in den oberen und Luxus-Boutiquen in den unteren Stockwerken. Einer der von uns mittlerweile hoch geschätzten Tante-Emma-Supermärkten war weit und breit nicht zu finden. Dieser Mangel konnte jedoch zunächst gar nicht festgestellt werden, ging es doch nach einem kurzen Boxenstopp im Hotel sofort weiter. Das mit Aufregung und viel Anspannung erwartete Großereignis der Reise stand an, und so tigerte das ODEON in voller Sportmontur zum flutgelichteten Fußballplatz. Bereits Tage vor dem Spiel hatte es damit begonnen, dass die Fronten zwischen Bläsern und Streichern sich verhärteten und der Umgangston rauer wurde. Nun konnte sich die angestaute Energie endlich entladen. In 20 + 20 Min. (der Platzmiete geschuldet) kämpften die Teams um den Sieg. Das Spiel zeichnete sich durch hohen Teamgeist (vor allem auch wegen der lautstarken Fans am Rand), geschicktes Taktieren beider Teams und sportliche Hochleistungen aus. Beide Teams hatten Chancen, beide Teams haben diese nicht genutzt. Es drohte 0:0 auszugehen, bis auf einmal, wie vom Himmel geschickt, ein charmantes fußballerisches Zuckerstück von Cellist den Ball elegant, ja fast schon tänzelnd in die rechte Ecke des Bläsertores setzte. Was für ein Tor! Die Streicher können es selber kaum fassen. Doch dann bricht er aus: ohrenbetäubender Jubel. Vale (besagter Held) jubelt sich euphorisch über das Feld und lässt sich völlig berechtigt feiern. Doch die Bläser lassen sich davon nur wenig beeindrucken und bringen in den letzten Minuten des Spiels die Streicher trotzdem immer wieder in gefährliche Situationen. Ganz reichen tut das am Ende aber leider nicht, und so gewinnen die Streicher. Schon wieder. Das fünfte Mal in Folge (Serbien, Bad Schussenried, Italien, Ungarn und jetzt auch noch China). Immerhin war es dieses Mal für die Bläser keine Totalblamage. 

Die entsprechende Spielbesprechung hinterher fiel verhältnismäßig kurz aus, denn am nächsten Morgen stand ein weiteres freudig erwartetes Ereignis an: der Besuch der großen Mauer. Damit wir auf der Mauer mit unseren über 70 Leuten auch die größte Gruppe bleiben und uns dieser Titel nicht von zu vielen anderen Touristen, wie es in der verbotenen Stadt der Fall war, genommen würde, fuhren wir bereits um 6:30 Uhr los und kamen zwei Stunden später in der ländlichen Gegend nördlich von Peking an. Völlig blauäugig hat dann nahezu das gesamte ODEON dafür gestimmt, die 90 Yuan für die Seilbahn zu sparen und stattdessen zu Fuß zur Mauer zu laufen. Der Weg entpuppte sich allerdings nicht als der Wanderweg, den sich so mancher wohl vorgestellt hatte, sondern bestand aus über 1000 Treppenstufen. Und so schwitzte sich das ODEON unter viel Geschnaufe, teilweise Gejammere und in unterschiedlichen Bewegungstempi nach oben. Dort angekommen war der schwere Aufstieg aber sofort vergessen: Über eine weitläufige, von Bäumen bedeckte Berglandschaft, an deren Horizont sich Peking nur noch erahnen ließ, schlängelte sich die chinesische Mauer. Viele brauchten noch einen Moment um wirklich begreifen zu können, dass wir tatsächlich dort waren. 

Sofort wurden Fotosessions gestartet. Natürlich durfte auch ein ODEON-Gruppenfoto nicht fehlen. Als man dann zur Bewanderung der Mauer ansetzen wollte, wurde bestürzt festgestellt: noch mehr Stufen. Und dieses Mal waren sie auch noch alle unterschiedlich groß. Doch ein paar Hundert Stufen mehr oder weniger machten zu dem Zeitpunkt auch keinen Unterschied mehr und auf der chinesischen Mauer nahm man die auch gern in Kauf. 

Von der Mauer ging es direkt zu einem weiteren superleckeren Drehtisch-Essen. Es schien, als wollten unsere chinesischen Gastgeber sich an unseren letzten Tagen hier noch einmal selbst übertreffen. Danach ging es weiter zu unserem dritten Austausch an einer chinesischen Schule. Auch dieses Mal spielte erst das Orchester des Gymnasiums Renmin einige chinesische Stücke vor, unter anderem Solostücke für Violine und Klavier. Erstmals kamen wir auch in den Genuss der Interpretation eines uns bekannten Werkes, denn als Schlussstück wurde uns die Moldau von Smetana präsentiert. Dann waren wir dran. Dieses Mal brachten wir drei Sätze aus der Sinfonie von Tschaikowsky zum besten, was jubelnd aufgenommen wurde. Obwohl ein direkter Austausch mit den Schülern eigentlich leider nicht geplant war, kamen viele der chinesischen Schülerinnen und Schüler zu uns hinter die Bühne und begannen in erstaunlich gutem Englisch anregende Gespräche, die viel zu früh aufgrund der anstehenden Abfahrt von uns beendet werden mussten. Die Selfies aber waren gemacht und auch so mancher Instagram- oder WeChat-Name ausgetauscht. 

Damit hatten wir offiziell den Tschaikowsky zum letzten Mal in China gespielt und durften uns auf Peter und der Wolf am nächsten Tag freuen. 

Von Saskia Kruse

(Ein Liveticker des Fußballspiels kann auf der ODEON-Facebookseite hier gefunden werden. Allerdings wurde aufgrund von parteilicher Berichterstattung der Streichersieg dort angeblich nicht angemessen gewürdigt, was in diesem Blogeintrag hoffentlich zufriedenstellend nachgeholt wurde. 😉)

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