Tag 12: Beijing

Angenehm warm und sonnig, und erfreulicherweise ohne trübe Smogwolke brach für das ODEON der letzte Tag in Peking und damit das Ende der Chinareise an. Der Morgen wurde sehr unterschiedlich verbracht: während die meisten von uns noch einmal das Ausschlafen und das reichhaltige Frühstück im Hotel genossen, nutzten einige Orchestermitglieder die Morgenstunde für eine besondere Sehenswürdigkeit in der Hauptstadt. Voraussetzung dafür war ein gewisses Maß an Überwindungskraft, da der Treffpunkt für den Ausflug um 4:30 Uhr angesetzt war.

Jeden Morgen und jeden Abend findet auf dem Tiananmen-Platz, dem Platz des Himmlischen Friedens, zu Sonnenauf- und –untergang eine Militärparade statt, bei der 36 Gardesoldaten die chinesische Flagge morgens hissen und abends wieder abnehmen. Dieser sehr feierlichen und durchaus patriotischen Fahnenzeremonie wohnen täglich mehrere tausend Schaulustige bei und auch die unternehmungslustigen ODEONS wollten sich dieses Ereignis nicht entgehen lassen. Durch Anwendung der inzwischen gut verinnerlichten Ellenbogentechnik ergatterten sie einen Platz an der streng bewachten Abzäunung.

Als die Sonne endgültig aufgegangen war und sich die Menge auf dem größten öffentlichen Platz der Welt wieder verstreut hatte, besichtigte die Gruppe den Himmelsaltar, eines der bekanntesten Wahrzeichen Pekings. Die wunderschöne historische Anlage mit dem aufwändig verzierten Tempel im Zentrum, aber auch der umliegende Park mit tanzenden und Tai-Chi betreibenden Rentnern zeigte eine neue Seite der Stadt.

Während sich die Ausflügler per Taxi durch die schnell einsetzende Pekinger Rush Hour zurück zum Hotel kämpften, wurde der Rest des Orchesters langsam wach und brach Großteils zur nahe gelegenen „Silk Street“ auf, wo es die Möglichkeit hatte, seine letzten Yuan loszuwerden. Das mehrstöckige Kaufhaus bietet traditionelle und konventionelle Souvenirs für jeden Geschmack an und ließ so manches mitbringselbegeisterte Herz höher schlagen. Neben teils hochwertigen Markenkleidern- und Schuhen findet man dort chinesisches Kunsthandwerk wie Kalligraphien, geschnitzte Jadedrachen, bestickte Seidentücher und edle chinesische Tracht genauso wie billige Souvenirs wie Fächer, gefälschte Elektrogeräte, Taschen, Siegelstempel (Namen selbst gravieren in fünf Minuten) und Essstäbchen! In diese bunte Fundgrube stürzte sich das ODEON mit Begeisterung, und so mancher entdeckte eine wohl bisher unbekannte Leidenschaft für sich: das Feilschen. Die Händler setzen meist einen viel zu hohen Preis für ihre Waren an, der oft um 2/3 heruntergehandelt werden kann, je nachdem, wie geschickt und unerbittlich man sich anstellt. Dass man dabei auch zu weit gehen kann, mussten einige an eigener Haut erfahren: begann man schon zu Anfang mit einem zu niedrigen Preis, wurde das als Beleidigung aufgefasst und man wurde hochkant aus dem Laden geworfen.

Als wir uns gegen Mittag zur Abreise in der Hotellobby trafen, waren auffällig viele mit neuen bunten Schals oder glänzenden Kopfhörern ausgestattet und jeder hatte schöne Andenken und Geschenke aus dem fernen Osten für die Daheimgebliebenen im Koffer.

Für den Nachmittag standen zwei musikalische Austausche mit Grundschulen auf dem Programm, zu denen wir abermals mit drei großen Reisbussen gefahren wurden.

In der riesigen, turnhallenähnlichen Aula der Tongzhou Beijing Grundschule wurden wir von einer großen Menge an sehr still sitzenden, uniformierten 6-10 jährigen Kindern und dem schuleigenen Blasorchester empfangen. Manch einer von uns war über die Disziplin und die fast eingeschüchterte Ruhe der Schüler in ihren karierten Hosen, weißen Hemden und roten Halstüchern erstaunt, die wir von so jungen Kindern bei uns kaum gewöhnt sind. Die Schulleiterin, eine taffe Dame mittleren Alters, hieß uns herzlich willkommen und betonte mehrmals die Besonderheit und die einmalige Gelegenheit, dass unsere Orchester miteinander musizieren können. Das Blasorchester beeindruckte uns dann mit einer wirklich guten Aufführung eines chinesischen Stückes und zu unserer Überraschung eines Bigband-Stückes, das uns begeistert mitklatschen- und schnipsen ließ. Besonders die kleinen Schlagwerker wiesen ein so gutes Rhythmusgefühl auf, dass schon über einen „gesicherten ODEON-Nachwuchs“ gescherzt wurde. Nun waren wir an der Reihe: nachdem wir uns auf den winzigen Plastikhockern eingerichtet hatten und Julio seine Dankesworte gesprochen hatte, spielte ein Streichquartett das „Amerikanische“ von A. Dvorak. Unsere Aufführung des musikalischen Märchens „Peter und der Wolf“ von S. Prokofiev, das wir für den Austausch sogar extra mit chinesischem Text vorbereitet hatten (gesprochen von Carla), gestaltete sich als schwieriges Unterfangen: Leider konnten wir, bedingt durch die Akustik des riesigen Saals, in dem man schon ab der dritten Reihe kaum etwas hören konnte, nicht wirklich unser Bestes geben. Die dadurch entstandene Unaufmerksamkeit des jungen Publikums wirkte sich auf die Stimmung des Orchesters aus und so fuhren wir recht unzufrieden zu unserer nächsten musikalischen Begegnung mit der Furong Beijing Grundschule.

Dort wurden wir wieder ein wenig versöhnt: Diesmal klappte der Prokofiev viel besser und das Publikum war begeistert. Vielleicht lag das auch an der viel entspannteren und weniger offiziellen Atmosphäre im Saal: Die Schüler wirkten fröhlich und aufgeschlossen und hörten Carlas Erzählung gebannt zu. Es war auch für uns eine interessante Erfahrung, welche Kleinigkeiten und äußeren Umstände unser Musizieren beeinflussen können.

Auffällig waren aber auch hier wieder die Disziplin und die technische Perfektion, die das Blasorchester bei seiner Darbietung an den Tag legte. Äußerlich zeigte sich das an der einheitlichen und sehr aufwändigen Konzertkleidung der jungen Musiker. Aber auch im Zusammenspiel beobachteten wir ein besonderes Phänomen: Jeder spielte seinen Part perfekt, nie hörte man einen Fehler oder falsche Noten. Das exakte Rhythmusgefühl warf sogar die Frage nach der Notwendigkeit eines Dirigenten auf. Und leider blieb die Musikalität und die Gestaltung der Musik ein ums andere Mal auf der Strecke. Die Musik wirkte wie ein Mittel zum Zweck, sich im dauernden Wettbewerb mit anderen zu beweisen. All dies sind natürlich sehr subjektive Einschätzungen und stellt die beeindruckende Performance und die präzise Technik der sehr jungen Musiker nicht in Frage. Ich glaube nur, in diesem Punkt einen großen Unterschied zu unserer Auffassung von Musik festgestellt zu haben.

Nach den obligatorischen Dankesreden, Erinnerungsfotos und Überreichen von Blumen fuhren wir zu unserem letzten gemeinsamen Abendessen. Fast wehmütig genossen wir noch einmal das chinesische Essen, das doch so anders ist als die ewigen gebratenen Nudeln vom Billig-Chinesen an der Ecke bei uns in Deutschland. Das frische gedünstete Gemüse, den klebrigen, stäbchentauglichen Reis, das interessant gewürzte Fleisch und vor allem die Vielfältigkeit der Küche wird (fast) jeder von uns vermissen. Nun kam auch die Gelegenheit, uns bei unseren drei chinesischen Organisatoren Tang, Chang und Cher zu bedanken und sie zu verabschieden. Immer waren sie zur Stelle und sorgten für den reibungslosen Verlauf der Reise – ein riesiger logistischer Aufwand! Und kein einziges Mal kam auch nur ein Bus zu spät oder gab es Probleme in den Unterkünften. Unsere Geschenke an die drei, bestehend aus bayerischen Glückskeksen und anderen kleinen Aufmerksamkeiten, können nur andeuten, was wir ihnen zu verdanken haben. Aber auch unsere orchesterinternen Betreuer Kristina, Lydia, Julio, Simon und Jonás haben alle miteinander tolle Arbeit geleistet – und wurden dafür vielmals behalleluja’t.

Als wir spätabends im Citic Hotel in Flughafennähe ankamen, stellten wir begeistert fest: Diesmal waren die Gerüchte um einen Pool keine Fake News! Nur leider schloss dieser nur kurze Zeit nach unserer Ankunft, sodass nur einige wenige noch in den Genuss eines nächtlichen Bades kamen. Den Rest des Abends ließen wir mit Spielen und Feiern ausklingen: es wurde auf eine besondere Reise und diverse Geburtstage angestoßen.

Von Anna Roth

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