Abschlussbericht

„Herzlich willkommen an Bord des Lufthansa-Fluges LH723 von Peking nach München. Ganz besonders begrüßen möchten wir heute das ODEON-Jugendsinfonieorchester, das nach einer zweiwöchigen Konzerttournee in China heute nach München zurückkehrt.“

Mit diesen Worten begann unsere Rückreise von zwei faszinierenden und unglaublich erlebnisreichen Wochen im fernen China, zu denen wir nun abschließend versuchen wollen, unseren Gesamteindruck der Reise wiederzugeben.

13 Tage, 77 Musiker, 6 Städte, 6 Konzerte, 5 Schüleraustausche, 5000 gereiste Kilometer, 8 Hotels, hunderte Fotos (von uns), tausende Fotos (mit uns) – nicht nur unsere Reise, auch das Land China ist so vielfältig, dass man gar nicht weiß, wo man mit den Erlebnissen der Reise zu erzählen anfangen soll… Es war eine unglaublich intensive Zeit mit zugegebenermaßen wenig Freizeit, dafür aber umso mehr spannenden Eindrücken und Erlebnissen.

Der rote Faden unserer Reise war zweifelsfrei die Musik, die wir in jeder Stadt zum Besten geben durften und die uns in beeindruckende Konzertsäle in bis zu 2000km entfernten Städten brachte. Doch es gab viele weitere Geschehnisse, die unsere Reise begleiteten. Ein weiterer roter Faden, der sich durch die Reise zog, war zum Beispiel das Warten:

Warten am Hotel-Check-In, an roten Ampeln und an allen anderen Stellen im Straßenverkehr. Warten an jedem Treffpunkt auf den Rest der Orchestergruppe, die sich gefühlt jeden Tag langsamer vorwärtsbewegte. Warten auf den Aufzug im 17. Stock des Hotels. Warten auf die Bassgruppe beim Stimmen, die sich bei jedem Konzert aufs Neue an den Instrumenten des jeweils ansässigen Orchesters erfreuen durften. Warten darauf, dass der Hase der VPN-App endlich schneller läuft. Warten auf einen leeren Aufzug im 11. Stock, da alle von oben kommenden Aufzüge bereits mit ODEON-Musikern voll sind. Warten darauf, dass die Ansagestimme in der Bahn endlich die Klappe hält (erfolglos). Warten in der Hotellobby auf den Rest des ODEONs, der noch in den Aufzügen steckt…

Und so schaffte das regelmäßige Warten einen angenehmen Kontrast zum ansonsten größtenteils komplett durchgeplanten Tagesablauf, den wir tagtäglich absolvierten. Dass unsere chinesischen Organisatoren sich auch erstmal an die schleppende Dynamik einer 77-köpfigen Reisegruppe gewöhnen mussten, schaffte vor allem zu Beginn der Reise einige spontane Änderungen im Zeitplan. Abgesehen von diesen anfänglichen zeitlichen Optimierungen und vereinzelter Fake News in Bezug auf unsere geplante Essensversorgung konnten wir uns aber über die Organisation der Reise absolut nicht beklagen. Nicht nur die Auswahl der Konzertsäle, sondern auch die der Restaurants und Hotels schaffte nicht selten das Gefühl einer Konzerttournee von Profiorchestern.

Neben der Hotel-Standardausstattung von Wasserkocher, Badeschlappen und dem „Attention wet floor“-Schild im Bad, die in keinem Hotel fehlte, kamen wir auch in den Genuss von zahlreichen weiteren hotelspezifischen Angeboten, vom Bügeleisen bis hin zum Roomservice (unklar bleibt nur, warum sich die Klobürste in chinesischen Hotels noch nicht durchgesetzt hat). Insbesondere auch die Auswahl und teilweise auch der Ausblick beim Frühstücksbuffet waren jedes Mal aufs Neue faszinierend und ließen einen mit der Zeit immer mehr vergessen, dass man besonders in Bezug auf das Essen doch eigentlich alles so viel schlimmer erwartet hatte…

Denn nicht nur das Frühstücksbuffet überraschte immer wieder durch seine unglaubliche Vielfalt, vor allem auch die regelmäßigen Restaurant-Essen mit großen Drehtischen, bei denen gefühlt jede Minute ein neuer Teller hinzugestellt wurde, erweiterte neben unserem kulinarischen Horizont auch unsere handwerklichen Fähigkeiten bei der Benutzung der Essstäbchen. Abgerundet durch den abendlichen Verzehr zahlreicher Instant-Nudelsuppen, die sich im Laufe der Reise zunehmender Beliebtheit erfreuten, und der obligatorischen Konzertverpflegung in Form von Bananen und Instant-Kaffee, konnten wir uns somit eines sehr vielfältigen und ausgewogenen Essensangebots erfreuen.

Doch welcher Eindruck bleibt nun vom Land China, von dem wir in den letzten zwei Wochen natürlich nur einen kleinen Teil sehen und erleben konnten? Um sich hierüber Gewissheit zu verschaffen, wurde noch auf dem Rückflug eine repräsentative Umfrage unter allen Orchestermitgliedern durchgeführt, deren Ergebnisse zum Teil auch in den Grafiken unter diesem Beitrag dargestellt sind.

Insbesondere die Dimensionen des Landes waren für alle Teilnehmer überwältigend. Die Menge an Menschen, die Größe der Hochhäuser und die zugehörige Höhe der Kräne an den zahlreichen Hochhaus-Baustellen ließen nicht nur die Maschinenbau-Studenten des Orchesters staunen. Und auch die großen Kontraste, die wir innerhalb der unterschiedlichen Städte erlebten, waren sehr spannend zu beobachten. Es war außerdem immer für alle Sinne etwas geboten: Von leuchtenden und blinkenden Wolkenkratzern über das lautstarke Hupen im Straßenverkehr-Chaos bis hin zu ständig wechselnden Gerüchen bzw. Gestank an jeder Straßenecke war für jeden etwas dabei.

Überraschend für die meisten waren zudem die großen Verständigungsprobleme, mit denen wir bei unseren individuellen Ausflügen in den Städten konfrontiert wurden. Da gute Englischkenntnisse und (in unseren Augen) selbsterklärende Zeichensprache nicht so verbreitet waren wie erwartet, ergaben sich in unserer Kommunikation häufiger Situationen, in denen am Ende nur noch der chinesische google Translator weiterhelfen konnte. Dem Promi-Status als europäische Sehenswürdigkeit tat dies natürlich trotzdem keinen Abbruch – da zum Fotografieren nicht zwangsläufig Kommunikation nötig ist, konnten wir uns stets über viel Aufmerksamkeit und zahlreiche persönliche Fototermine mit unseren Fans freuen.

Außerdem sehr interessant, aber für uns vor allem anstrengend, waren die unterschiedlichen klimatischen Bedingungen, die wir in der kurzen Zeit erleben konnten. Das meist sehr warme und schwüle Wetter im Gegensatz zu den gefühlten Minusgraden in sämtlichen Räumlichkeiten (bedingt durch die exzessive Verwendung von Klimaanlagen) waren wohl in den meisten Fällen verantwortlich für einige kleinere und größere Erkältungen, die sich zwischenzeitlich im Orchester verbreiteten.

Der krönende Abschluss des kulturellen Teils unserer Reise war schließlich der Besuch der chinesischen Mauer, bei der man wie auch schon in den zahlreichen Millionenstädten zuvor erneut die unvorstellbare Größe des Landes verdeutlicht bekam.

Wie war nun der musikalische Eindruck des Landes? Es bleibt wohl vor allem ein gewisses Unverständnis über die chinesische Konzertkultur, die sich durch ständige Unruhe im Publikum sowie die während des Konzertes zu beobachtende Publikums-„Erziehung“ äußerte. Wenn das Einlasspersonal während des Konzertes dafür zuständig ist, die Besucher mit Laserpointern von der Handybenutzung abzuhalten bzw. mit hektisch gezückten Leuchttafeln zwischen (oder auch während) der Sätze darauf hinzuweisen, dass das Klatschen zwischen den Sätzen verboten ist, wirkt dies auf europäische Besucher sehr befremdlich.

Und wie auch schon bei unserer Konzertreise nach Chile zeigte sich: man kann Brahms oder Tschaikowsky noch so schön spielen – die größte Begeisterung im Publikum gibt es trotzdem erst bei den Zugaben, wenn die einheimischen Stücke ausgepackt werden (in unserem Fall die Spring Festival Overture). Ein deutlicher Unterschied zeigt sich jedoch in der Klatsch-Freudigkeit des Publikums: Während die Chilenen bei Zugaben egal welcher Art von Anfang an begeistert und rhythmisch richtig mitklatschen, mussten die Chinesen erst zum Klatschen animiert werden – tatsächlich wirkte es häufig so, als ob das Publikum zuerst auf die „Erlaubnis“ wartete, klatschen zu dürfen.

Sehr interessant waren auch die Schüleraustausche, von denen jedoch auch ein gewisser Beigeschmack bleibt. Die „spontanen“ Spiele, bei denen die Kinder bereits vor Beginn des Zeichnens wussten, welches Wort als nächstes gezeichnet wird, oder die „spontane“ Vorstellung in einwandfreiem Englisch der Klassenbesten (die natürlich rein zufällig ausgewählt wurde), lassen eine komplett andere Mentalität in Bezug auf Lernen und die Definition von Leistung erkennen: Auswendiglernen ist hierbei der Schlüssel zum Erfolg. Dies zeigt sich auch in der bereits im vorangegangenen Blogeintrag beschriebenen technischen Perfektion, die bei der musikalischen Ausbildung an den Tag gelegt wird, die jedoch leider offensichtlich auf Kosten der Musikalität geht. Außerdem erschwert wurde unser Kontakt mit den Musikern durch die chinesische Interpretation eines musikalischen „Austausches“, der offensichtlich in China aus der gegenseitigen Darbietung einiger Konzertstücke besteht (optional: Abspielen eines sich bewegenden bunten Hintergrundmusters oder dem Schul-Imagefilm in Dauerschleife, natürlich auf einer bühnenfüllenden Großbildleinwand hinter dem Orchester). Immerhin bei einem der fünf Austausche spielten wir auch ein gemeinsames Stück mit dem chinesischen Schulorchester und bei den anderen Orchestern ergaben sich nach den Konzerten zumindest kurze Begegnungen mit den chinesischen Schülern.

Offensichtlich konnten wir die Chinesen aber auch über das Musikalische hinaus an der europäischen Kultur teilhaben lassen: Beim traditionellen ODEON-Fußballspiel, das wir in Peking auf einem Kunstrasen-Platz inmitten einer kleinen Wolkenkratzer-Siedlung abhalten konnten, wurden die umliegenden Spiele erstmal unterbrochen, um unsere sportlichen (und sprachlichen) Höchstleistungen zu beobachten… (man beachte hierzu unbedingt auch den Liveticker des Spiels!)

Und was bleibt sonst von unserer Reise, außer dass wir uns erstmal wieder das Essen mit Stäbchen abgewöhnen müssen und uns über jeden Keks bzw. Trockenfrucht freuen, die nicht nochmals einzeln eingepackt ist?

Wie bereits im ersten Blogeintrag zu lesen war, konnte das ODEON bereits in den ersten Tagen zahlreiche Erkenntnisse und Lebenserfahrungen sammeln, die natürlich im Laufe der Reise um einige erweitert wurden. Im Folgenden soll eine kurze Auswahl vorgestellt werden:

  • China ist ein sehr großes Land mit sehr vielen Menschen.
  • Die Aufzug-Logistik chinesischer Hotels ist trotzdem nicht auf die Benutzung durch Großgruppen ausgelegt.
  • Die Beschleunigung der Reaktionsgeschwindigkeit von selbstkochenden Instant-Nudelsuppen führt nicht unbedingt zu einem explosionsfreien Ergebnis.
  • Die Mischung von Gemüse mit Glibber ist offensichtlich eine wichtige Küchenweisheit in China (trotzdem wurden auch unsere Vegetarier meist mit sehr gutem und vielfältigem Essen versorgt).
  • Der Versand von Postkarten ist in China tendenziell nicht verbreitet bzw. überhaupt bekannt.
  • Pfirsich-Ananas-Pizza kann man essen, muss man aber nicht.
  • Das ODEON-Orchesterfoto aus dem Jahr 2008 hält sich hartnäckig in der internationalen PR (und wird in China auch gern mal auf 2m große Plakate gedruckt).
  • Chinesische Züge sind Nichtraucher-Züge. Hätten wir aber wahrscheinlich auch gemerkt, wenn die Ansagestimme es nicht alle 15min erneut durchgesagt hätte.

Mit diesen Lebensweisheiten können wir nun also auf einen reichen Erfahrungsschatz in Bezug auf die chinesische Kultur zurückblicken und wehmütig den Rückflug genießen. Dank guter Kontakte in die Chefetage der mitreisenden Stewardessen bekamen wir schließlich sogar nicht nur die persönliche Begrüßung und Verabschiedung durch die Flugzeug-Ansage, sondern auch zahlreichen Besuch der First- und Business-Class-Gäste zu einer erneuten Blasmusik-Einlage unserer Blechbläser, kurz vor unserer Landung im schönen München. München – diese süße Kleinstadt, die uns nach den chinesischen Metropolen wie ein Dorf vorkommen wird, und in der wir uns wohl erst wieder in der U6 am Montagmorgen an die chinesischen Metropolen erinnert fühlt werden.

Was tut das ODEON nun in seiner nostalgischen Post-China-Phase? Es denkt wehmütig zurück an die Erlebnisse einer einmaligen Orchesterfahrt, die sich so schnell nicht vergessen lässt. Durch die Zusammenarbeit unserer drei Lieblingschinesen Tang, Chang und Cher mit dem ODEON-Team wurde die Fahrtorganisation zu einer wahren Meisterleistung. An dieser Stelle daher ein riesiges Dankeschön an Julio, Christina, Simon, Lydia und Jonás, ohne deren Einsatz diese geniale Reise nicht möglich gewesen wäre. Eine ganz besonders grüne Karte hat außerdem unsere Orchester-Heldin Carla verdient, die dank ihrer chinesischen Dolmetscher-Fähigkeiten und ihrer Allwissenheit über chinesische Kultur gefühlt keine freie Minute während der Reise hatte… Danke!

Und was tut das ODEON sonst noch? Richtig: das ODEON wartet. Es wartet sehnsüchtig auf das Abschlusskonzert der Chinareise im Carl-Orff-Saal, bei dem es bei der Aufführung von Brahms, Mozart und Tschaikowsky nochmals in Erinnerungen an die großartigen Konzerte in China schwelgen darf. In diesem Sinne also herzliche Einladung zu unserem langersehnten Konzert am Samstag, 22.9.18 um 19:00 im Carl-Orff-Saal im Gasteig – garantiert ohne Laserpointer und Leuchttafeln während des Konzerts.

Vielen Dank für Ihr Interesse am ODEON-China-Blog! Wir freuen uns sehr, dass Sie das ODEON auf seiner Reise verfolgt haben und möchten uns an dieser Stelle nun mit den Worten verabschieden, die auch für uns bei der Landung in München das Ende der Reise bedeutet haben:

„Wir hoffen, Sie haben sich bei uns wohlgefühlt und wünschen Ihnen noch einen schönen Tag. Dem ODEON-Jugendsinfonieorchester wünschen wir noch ein gutes Ankommen und viel Spaß beim Abschlusskonzert am 22. September in München im Gasteig.“

Da geht doch die Sonne auf!

Von Felicitas Engelchina_umfrage1.JPG

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